• © Hanna Karstens

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  • © Kathrin Hinneburg-Heiwolt

Was bedeutet „Tschüss-Stimmen“ und was ist eine „traurige Note“?

Erfahrungen aus dem Musikunterricht in der Erstaufnahme Schmiedekoppel

Einige Kinder und Jugendliche, die in der Erstaufnahme Schmiedekoppel wohnen, sind neu in Deutschland angekommen, andere leben eventuell schon eineinhalb Jahre in Deutschland bzw. in diesem Camp. Gemeinsam für alle ist die Erfahrung der Flucht und das Ankommen in einem neuen Land und ganz aktuell ein Leben auf engstem Raum in einem Umfeld mit unterschiedlichsten Sprachen.

Wenn ich zur Schmiedekoppel fahre, überlege ich oft, was die Kinder und Jugendlichen jetzt brauchen. Mein Jahr in der Schmiedekoppel hat mir vieles gezeigt, ich versuche einmal, einige meiner Eindrücke in Worte zu fassen. Die Kinder und Jugendlichen möchten lernen und Spaß haben. Bevor sie die für sie neue deutsche Sprache gut gelernt haben, sind weitere Möglichkeiten, ihre Gefühle ausdrücken zu können, besonders wichtig. Gleichzeitig brauchen sie Unterstützung und ein Gefühl von Sicherheit, damit sie wieder Boden unter den Füßen spüren können. Existentiell ist der Wunsch, eine Zukunft zu haben, auch wenn noch nicht klar ist, wo der Weg hinführt. Die Möglichkeit ein Instrument zu lernen gibt Mut für die Zukunft und ist unabhängig von den Grenzen unserer Länder. Das spüren die Kinder und Jugendlichen sehr schnell und sie sind dankbar für das Angebot. 

Die Wege der Kinder und Jugendlichen im Musikunterricht in der Schmiedekoppel sehen sehr unterschiedlich aus. Hier ein paar Beispiele. (Die Namen der Kinder und Jugendlichen sind geändert.)

Die 8-jährige Marian

kam vor den Ferien zu mir, saß am Keyboard und wählte von den über 7 Oktaven die zwei Töne F und G in mittlerer Lage aus und spielte beide Töne über eine halbe Stunde lang. Ich ließ sie erstmal alleine probieren und staunte über ihr Durchhaltevermögen.  Es schien mir, als bräuchte sie Zeit, Sicherheit zu gewinnen, zu hören und ein dritter Ton wäre einfach zu viel gewesen. Mit der Zeit erfanden wir noch eine Geschichte zu den beiden Tönen. Bis zum Ende ihrer Spiel-Einheit hat sie keine weitere Taste angeschlagen, das hat mich beeindruckt.

Arian

ist jetzt 16 Jahre alt. Als er 14 Jahre alt war, hat sich die Familie aus dem Iran auf den Weg gemacht. Mit der (Reise-)Zeit wuchs der Heißhunger, wieder lernen zu können. Vor einem Jahr begegneten wir uns, er bekam eine Geige und wöchentlichen Unterricht. Von Anfang an hatte er klare Ziele, was er lernen möchte. Vor einem Jahr habe ich mich noch bemüht, einfaches und leicht verständliches Deutsch zu sprechen. Inzwischen spreche ich normal. Manchmal erkläre ich ihm einige Wörter, die ich benutze, denn er würde mir nicht sagen, wenn er etwas nicht verstanden hat. Wenn ich ihm zuschaue, wie er seine Stücke auswählt, merke ich, mit welcher Kraft er seine Gefühle ausdrücken möchte. Arian möchte keine Noten mit nach Hause nehmen.

Er hat in seinem jungen Leben gelernt, dass Besitz unpraktisch ist, da man nicht immer alles mitnehmen kann. Eine Ausnahme ist das Handy, so werden Noten von ihm abfotografiert. Da man natürlich auch ein Handy verlieren kann, ist es am besten, alles auswendig zu können. Jetzt, nach einem Jahr, übt er alle Stücke erst einmal mental, zu Hause, im Bus oder an der Bushaltestelle. Er stellt sich motorisch die Bewegung vor, geht ans Instrument und spielt.

Arian spielt ein Stück von Anfang an sehr gefühlvoll. Vielleicht auch, weil kein Notenblatt „dazwischen“ steht? Ich weiß es nicht, in jedem Fall bewundere ich seine Ausdrucksfähigkeit.

Die 10-jährige Dunya

möchte Klavier spielen lernen. Die Eltern haben sie nicht angemeldet. Sie kommt zum Unterricht, weil sie diese Entscheidung selbst getroffen hat. Dunya kommt aus Afghanistan, sie hat 2 Jahre in einem Camp in Norwegen gelebt und sprach anfangs kein Deutsch. Da ich weder Farsi noch Norwegisch spreche, haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt. Obwohl ich ihr ein Keyboard ausgeliehen habe, übt sie nicht zu Hause. Vielleicht ist das im kleinen Zimmer mit vier Geschwistern auch einfach zu schwierig. Das Keyboard liegt oben auf dem Schrank, damit nichts mit dem Instrument passiert. Dennoch kommt Dunya sehr gerne und fasziniert mich durch ihre schnelle Auffassungsgabe. Wenn sie eine Melodie mit fünf Fingern spielt, lernen wir natürlich auch, wie die einzelnen Finger der Hand im Deutschen genannt werden. Nachdem wir zusammen mit anderen Mädchen gespielt haben, übt sie die neu gelernte Melodie alleine. Im Musikraum trifft Dunya andere Kinder und Jugendliche, oft wird in dem gleichen Raum zu dieser Zeit noch Gitarre und Geige gespielt. Sie kann anderen zuhören, ihre Melodie mit oder ohne Kopfhörer immer wieder üben, auch etwas vorspielen oder mit älteren Kindern Farsi sprechen. Dunya weilt meistens zwei Stunden bei mir und ist oft so vertieft, dass ich sie daran erinnern muss, nach Hause zu gehen. Dort wartet das Abendessen.

Jawid

ist jetzt 19 Jahre alt. 16-jährig kam er alleine nach Schweden und dort schenkte ihm jemand eine Gitarre. Er übte oft und ausdauernd. Jetzt, nach drei Jahren, kann er schon sehr viel, er spielt und singt ausdrucksvoll und bewegend. Vor etwa einem halben Jahr lernten wir uns kennen. Er kommt zum Üben (Jawid lernt übrigens auch alles auswendig) und zwischendurch gebe ich ihm Tipps, wenn ich z.B. sehe, dass er seine Handhaltung verbessern könnte, wie er eine Lagenwechselbewegung denken kann, wir lernen Theorie oder üben Zusammenspiel. An den gleichen Nachmittagen hilft er mir auch, Gitarren-Anfänger mit zu unterrichten, indem er z.B. mit großer Geduld 60 Minuten lang zwei Akkorde mit gleichaltrigen Schülern übt. Ich unterstütze Jawid bei Auftritten. Leider hat er gerade keine gute eigene Gitarre, da möchte ich ihm gerne noch helfen, einen Sponsor zu finden.

Sehr schön wäre es, wenn Jawid seinen Wunsch, Musik zu studieren, umsetzen könnte. Mit seinen musikalischen Fähigkeiten, seiner Ruhe und Geduld sehe ich ihn als einen Vermittler zwischen den Kulturen. Die Jugendmusikschule wird ihm auf diesem Wege die beste Unterstützung anbieten.

  • Foto: Bo Lahola
  • Foto: Hanna Karstens
  • Foto: Bo Lahola

Eine Schwierigkeit, die wir gemeinsam überwinden müssen, ist die Ungeduld. Einer Gruppe von Kindern hatte ich etwas auf der Geige vorgespielt. Ein Junge bekam das erste Mal die Geige in die Hand und es klappte nicht so, wie  er es sich vorgestellt hat. Daraufhin kam er zu mir, hielt mir die Geige hin und sagte: „Kaputt“! Wenn der Wunsch dann gewachsen ist, etwas wirklich lernen zu wollen, erlebe ich großes Durchhaltevermögen. Beim Üben von Technik höre ich allerdings oft beim ersten Versuch: „Das werde ich nie lernen“. Normalerweise sind die Schüler übrigens mehr als 60 Minuten bei mir. 

Die Jugendlichen gehen oft in eine Internationale Vorbereitungsklasse (IVK), die Grundschulkinder in die Schule des Camps. Der wöchentliche Musikunterricht ist in dieser Umgebung eine wichtige Gelegenheit, um die deutsche Sprache zu lernen. Die Kinder und Jugendlichen lernen schnell Wörter wie „Daumen locker“, „streichen“ oder „Oktave“, gleichzeitig probieren sie sich auch sprachlich aus, indem sie eigene Wörter erfinden, über die  wir viel zusammen lachen. 

Ein letztes Beispiel soll meinen Bericht abrunden: Im letzten Winter war Arian unglücklich darüber, wie sehr sich die Geige innerhalb einer Woche verstimmte. Er wollte sich von mir verabschieden und sagte: „Kannst du nochmal Tschüss-stimmen?“. Regelmäßig fragte er auch am Ende des Unterrichts: „Hast du noch eine traurige Note für mich?“ Eine traurige Note bedeutet für ihn ein trauriges Lied, ein Lied in Moll. Die Steigerung davon ist dann: „Hast du noch eine richtig traurige Note für mich?“ Wenn ich ihm dann etwas geben kann, ist die Woche gerettet, denn er hat etwas, was er bis zum folgenden Unterricht neu lernen kann.   

Cornelia Gottesleben,

Lehrkraft Violine