• © Hanna Karstens - Percussion Day 21.09.2019

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Le Nozze di Figaro

Mit 14 war ich nicht offen für Oper. Meine Schwester schwelgte in Wagner und Beethoven. Ich machte die Tür zu. Jazz passte zu meinem Lebensgefühl, einzige Bedingung: Instrumental musste es bleiben. Erst später begann ich den Hype um die Oper zu verstehen. Ich studierte in Salzburg. Im Sommer verwandelt sich die beschauliche Stadt und platzt aus allen Nähten. Die Festspiele spülen die großartigsten Sängerinnen und Orchester in die Stadt. Die Inszenierungen sind Feste. Und da hatte mich die Oper in ihren Bann gezogen. Bald darauf genoss ich den Salzburger Festspielsommer im Opernchor. Gleichzeitig wuchs meine Überzeugung, Oper könne erst auf diesem hohen Niveau den Funken überspringen lassen.

Doch auch wenn wir nicht perfekt sind, können unsere Gefühle, unsere Leidenschaften gespürt und übertragen werden. Die Jugendlichen haben mir gezeigt, wie sehr sie Oper inspiriert und ihre geballte Spielfreude freisetzen kann. Es geht um uns und unsere universellen Themen. Ja, Oper und Jugendliche passen gut zusammen. 2004 wurde an der JMS die Jugendopernakademie (JOpAk) in Kooperation mit der Staatsoper gegründet. 

2019 gab es Mozarts Figaro. Im Herbst davor stehen den Jüngsten Tränen in den Augen, ob ich mir das auch gut überlegt hätte, sie neuerdings italienisch singen zu lassen. Wenige Monate später erklingen die italienischen Chöre bereits mit Stolz und einer gewissen Selbstverständlichkeit. Das Besondere an Figaros Hochzeit war, dass durchgehend Jugendliche spielten, auf der Bühne wie im Orchester. Eine 13-jährige fasst zusammen: „Kurz vor der Aufführung steigen die Aufregung und das Kribbeln im Bauch immer mehr an. Man ist von Energie, Freude und Nervosität erfüllt. Doch da ist noch etwas, etwas Besonderes, was dieses Ereignis zu etwas Einmaligem macht. Es ist die Gemeinschaft, die Leidenschaft, der Spaß und Zauber der Musik, der in der Luft liegt. Jeder muss ihn für sich selber finden, doch vor der Aufführung haben ihn alle.“

Was passierte? Nadine Hellriegel grub ein Musical aus den 70er-Jahren aus. „Alles für Figaro“ von Rolf Zimmermann. Das gab Mozarts Figaro den Rahmen. Damit stand Pierre Beaumarchais plötzlich selbst mit seinem schillernden Leben auf der Bühne und wir verstehen, warum er kurz vor der französischen Revolution den Figaro schreiben musste. Regie führte grandios und mit umwerfendem Einsatz Debby van Düren. Suely Lauar leitete den Chor und das Musical souverän vom Flügel aus. Bahati Koll holte uns mit ihren spritzigen Choreografien wieder ins 21. Jahrhundert zurück. Die musikalische Leitung für Mozarts Le Nozze di Figaro lag mit bewundernswertem sängerischem Gespür bei Barbara Kuhnlein.

Die Jungen Streicher ließen es funkeln und glänzen und trugen die jugendlichen Sängerinnen und Sänger durch die Vorstellungen. Jeden Freitag probten sie ihr anspruchsvolles Wettbewerbsprogramm für die Orchestrale. Wir lauschten fasziniert. Und jeweils zwei Figaro Arien durften mit auf ihren Probenplan. Für alle Jugendlichen war es das erste Mal, mit Orchester singen zu dürfen. Der brennende Reifen, durch den sich alle erstmal trauen mussten, zu springen, war zu sehen. Und die Begeisterung, wenn es gelungen war, auch.

Die 16-jährige Raphaela: „Besonders schön fand ich, dass wir zum ersten Mal seit langem wieder mit einem richtigen, schönen Orchester gespielt haben. Vor allem die Probewoche war eine tolle Zeit mit vielen Menschen, die man gern hat und die Aufführung lief so gut wie schon lange nicht mehr.“

Unsere Stimme ist genauso einzigartig wie unser Fingerabdruck. Keine gleicht einer anderen. In der Oper geht es auch darum, sich in seiner Einzigartigkeit zu zeigen, statt sich in der Menge zu verstecken. Das führte zum Anliegen einer 12-jährigen: „Ich wünsche mir, dass nicht jeder immer alleine singen muss.“

Spaß hatten wir auch in der Zusammenarbeit zwischen Bühnenmeister und mir als Gesangslehrerin. Die Saalverstärkung passte mir meistens nicht, sodass ich äußere: „Die Stimme klingt so hell und flirrend.“ Daniel an der Technik zieht alle Register. Es dauert. Nach einer Weile werden meine Erwartungen erfüllt: „Ja, das nehmen wir. Was hast Du gemacht? Bitte speichere die Einstellung.“ Daniel erwidert trocken: „Jetzt ist nichts an. Ich habe alles komplett runter geregelt.“ 

So gingen wir dann auch in die Vorstellungen. Verstärkt wurde fast nichts mehr. Die Jungen Streicher spielten einfach so einfühlsam. Und hier noch eine kleine Reminiszenz aus dem JOpAk Unterricht: Ich möchte die Aufgabenvielfalt der Person erklären, die alles zusammenhält und frage: „Was macht eigentlich der Dirigent?“ Betretenes Schweigen in der Gruppe, bis der Jüngste freudestrahlend ruft: „Er hat die Noten!“

Johanna Spörk,

Koordination Jugend Opern Akademie (JOpAk)