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Starke Jungs – Neuer Knabenchor Hamburg

Gerade noch raschelte es im Probenraum des Neuen Knabenchores Hamburg, dann wird es ganz still. Letzte Hinweise für den perfekten Einsatz. Aufrichten und im gemeinsamen Tempo atmen … leise, aber spannend. Und um Gottes Willen nicht anschleifen. Jede Stimme ist wichtig. Kritisch beobachtet durch Johann Sebastian Bach und seine Komponistenkumpanen von den gegenüberliegenden Wänden. Auch sein Werk liegt in den Händen der Jungen und Jugendlichen.

Dieser Bach, der Weihnachten zu Weihnachten macht, indem er den Paukenspieler mit Jauchzen auf seine beiden Instrumente hauen lässt und die Bläser und Streicher in frohlockendem D-Dur zum preisenden Choreinsatz zu wirbeln vermag. Geliebter Evergreen. Bis dahin werden sie noch oft gemeinsam atmen und die Herzen bis zur letzten Kirchenbank erheben. Sie, die 9- bis 25-jährigen Begeisterten. »Musik ist eine Bereicherung für mich und macht mir einfach große Freude«, sagt Philipp (9), der seit einem knappen Jahr im Hauptchor singt. Durchschnittlich gibt es 20 Auftritte und Konzerte pro Saison, meist a cappella, von Tallis und Byrd über Schütz und Mendelssohn bis Pärt und Nystedt.

Zwei Mal pro Woche treffen sich die Knaben des Hauptchores. »Manchmal kann das schon lang sein«, findet der elfjährige Enno, »aber es fühlt sich immer gut an, mit Freunden zu singen.« Im Schnitt singt ein Knabe für vier Jahre im Hauptchor, bevor das Schicksal namens Stimmbruch zuschlägt und der graue Pullover zu einem schwarzen Jacket mutiert. Beim zweiten Termin sind auch die Männerstimmen dabei. Wenn alle 55 ihr Bestes geben, dann wird nicht nur die Luft im Probenraum knapper, sondern »der Klang ganz ergreifend«, wie es Nikolai (11) beschreibt. Aus schwarzen Punkten auf Papier entstehen lebendige Gebilde, formbar vom schwebenden Piano bis zum erschütternden Forte. Musik zum Mitfühlen. Fröhlich wie ein buntes Fest und zerbrechlich wie dünnes Glas. Texte zum Nachdenken und Erleben, geistlich und weltlich.

Neuer Knabenchor Hamburg © Ronald Frommann

In den letzten Jahren gastierten die Choristen unter anderem in der Amsterdamer Oude Kerk, dem Wiener Stephansdom, der Southwark Cathedral in London. Die jüngste Reise nach England war für viele ihr bisheriger Höhepunkt; „weil wir so viele tolle Konzerte hatten“ und „es so schön mit dem Chor war“, zeigen sich Albert (10) und Nikolai noch immer begeistert. Die Hamburger Konzertsäle und Hauptkirchen St. Michaelis und St. Jacobi sowie die Kirche St. Johannis-Harvestehude sind ohnehin vertrautes Terrain. Faszinierendes Neuland dagegen waren das Musizieren mit der NDR Bigband und Jazz-Legende Carla Bley oder der Auftritt in einer großen Fernseh-Krimiserie. Gemeinsame Töne erklangen mit so renommierten Kollegen wie den Wiener Sängerknaben, dem New College Choir Oxford und den Cantores Minores aus Helsinki. Beim traditionellen „A Festival of Nine Lessons and Carols“ lasen und lesen, zwischen festlichen Carols, Katharina Thalbach und Rufus Beck mitreißende Geschichten, wovon auch eine CD-Produktion zeugt.

Neuer Knabenchor Hamburg © Staatliche Jugendmusikschule Hamburg

Neben dem Hauptchor wird die Schule des Neuen Knabenchores Hamburg von 130 noch jüngeren Stimmen bereichert. Gestaffelt nach Alter und Können proben sie wöchentlich in einer der fünf Vorchorgruppen. Die Kleinsten sind gerade dreieinhalb Jahre alt und reifen in ihrer musikalischen Entwicklung durch abwechslungsreiche Lieder und Stile, erste Auftrittserfahrungen und vor allem das Vergnügen an Musik und Gemeinschaft. Der Zuspruch für diesen Weg ist höchst erfreulich, so verdoppelte sich die Zahl der Nachwuchssänger in den vergangenen Jahren.

Junge Menschen und klassische Musik, das passt. Der Neue Knabenchor Hamburg zeigt, dass die Kreationen längst verstorbener Meister nicht tot sind, sondern im Hier und Heute vibrieren können. Richard (9) und Ole (10), die ganz neu im Hauptchor sind, finden sie »spannender« und »ruhiger« als das, was man sonst im Radio hört, »nicht jedes Lied klingt gleich«. Vielfalt macht es die Mischung: Renaissance und Uraufführung, harmonisch und atonal, peppig und beseelt …

Im Probenraum wird wieder geraschelt, der Einsatz ist gelungen. Bach könnte lächeln. Der Zusammenhalt geht über das Atmen und Singen hinaus, wie sich auch das gemeinsame Fühlen nicht auf den musikalischen Ausdruck beschränkt. Töne und Zwischentöne werden von den Älteren reflektiert und an die Jüngeren weitergeben. Alle auf Augenhöhe, Persönlichkeiten reifen in und mit besonderem Bewusstsein. Und am Ende des Jahres wird auch der Paukenspieler wieder zuschlagen.

Jens Bauditz,

Leiter des Neuen Knabenchores Hamburg

www.neuer-knabenchor-hamburg.de