• © Hanna Karstens

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Das Jugend Kammerensemble für Neue Musik

Neue Musik, ist die nicht anstrengend und disharmonisch? oder Sie sind Komponist? Ich dachte, Komponisten wären tot. So die landläufige Meinung. Zwei Zitate aus dem Alltag eines Interpreten und Komponisten, der sich mit der Musik unseres Jahrhunderts beschäftigt.

Glücklicherweise ist das Gegenteil Realität, wie am Beispiel des im Herbst 2018 gegründeten Jugend Kammerensemble für Neue Musik deutlich gemacht werden kann. Nicht nur, dass sich acht neugierige, begeisterte und experimentierfreudige Schülerinnen und Schüler aus den unterschiedlichsten Instrumentalklassen der Jugendmusikschule zusammengefunden haben, sich auf die Reise in unbekannte Klanggefilde einzulassen, es wurde auch ein Kompositionsstudent aus der Kompositionsklasse von Prof. Fredrik Schwenk an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) gewonnen, für das Ensemble eine Komposition zu schreiben. Nicht nur für die Gruppe eine willkommene Gelegenheit, sich mit neuen Spieltechniken auseinanderzusetzen, sondern auch für den Komponisten Hector Docx, seine Musik einem Musiker- und Publikumskreis erlebbar zu machen, der mit der Musik unserer Zeit eher wenig bis gar nichts zu tun hat.

Dazu Daniel Niemann (Violoncello): Bisher habe ich diese Art Musik überhaupt nicht wahrgenommen und durch die Teilnahme am Ensemble konnte ich sie für mich entdecken.

Jugendkammerensemble für Neue Musik © Staatliche Jugendmusikschule Hamburg

Diese Komposition, inspiriert von dem Gedicht Der Panther von Rainer Maria Rilke entführt die jungen Musiker (und das Publikum!) in die Welt der Geräusch- und Klangpoesie der Musik unserer Zeit. Ungewohnte Klänge auf gewohnten Instrumenten könnte das Motto lauten, jeder Instrumentalist entdeckt die Vielfalt, die sein Instrument neben den gewohnten Spieltechniken zu bieten hat. Daneben ist es eine außergewöhnliche Gelegenheit, mit einem noch lebenden Komponisten zusammenzuarbeiten. Aber wie vermittelt man den jungen Instrumentalisten, dass beispielsweise das Streichen mit dem Geigenbogen an dem Korpus der Bratsche eben so viel musikalische Bedeutung und Spannung haben muss wie das Spielen eines Tons auf der G-Saite? Hier ist es natürlich ein besonderes Glück, dass der Komponist Hector Docx die Proben besucht und den musikalischen Kontext, in dem diese Spieltechnik verlangt ist, nicht nur erklärt, sondern auch bildhaft vermittelt. 

Bevor sich die jungen Musiker mit der druckfrischen Komposition auseinandersetzten, haben sie zunächst einmal im Oktober 2018 Karlheinz Stockhausens Musik kennengelernt. Zwei Stücke aus Tierkreiszeichen (1971) standen auf dem Programm: Jungfrau und Stier. Auch wenn diese Werke schon längst der Postmoderne angehören, sind sie für die jungen Ohren gewöhnungsbedürftig und für die spieltechnischen Fähigkeiten eine Herausforderung. Zudem hat Stockhausen vorgegeben, dass jede Melodie in drei verschiedenen Varianten gespielt werden soll, also wurde nicht einfach nur gespielt, sondern es musste bearbeitet werden. Da einige Ensemblemitglieder auch Kompositionsunterricht haben, waren die Arrangeure schnell gefunden. Diese haben dann in den Proben auch kommentiert, welche Abschnitte noch Probenarbeit benötigen und welche bereits sehr gut klappten. 

Beispielsweise hat die Flötistin Emma Ebmeyer, eine der Arrangeure, an der JMS Kompositionsunterricht und entdeckt einen Mehrwert für ihr eigenes kompositorisches Schaffen: Die Neue Musik, die wir hier einstudieren, hat mir auch sehr geholfen, mich in meinen eigenen Kompositionen besser auszuleben, weil ich jetzt generell mehr weiß über Musik und was alles möglich ist.

Die Klarinettistin Nisha Kapeller merkt an: Es bringt Spaß, weil ich mich einmal wöchentlich mit netten Menschen treffen kann, um Musik zu machen, es macht viel mehr Spaß, mit anderen Musik zu machen, als alleine.

Nisha Kapellers Kommentar öffnet noch eine weitere Sichtweise: Es geht in erster Linie um das gemeinsame Musizieren und nicht um das Bewerten, auch wenn wir uns Kompositionen widmen, die nicht so populär sind. Diese in ihren Besonderheiten, in ihrer musikantischen Vielfalt und ihren Spannungszuständen zu entdecken ist wie ein Forschungsauftrag, der dazu dient, den Forschungsgegenstand irgendwann zu kennen. Je vertrauter er einem ist, desto mehr Freude bereitet es, ihn zu spielen. Das ist letzthin im Falle einer Kammermusik von Mozart nicht anders.

In der kommenden Arbeitsphase stehen weitere Stücke aus Karlheinz Stockhausens Tierkreiszeichen auf dem Programm. Vielleicht werden in drei Jahren alle zwölf Tierkreismelodien vom JKE gespielt werden. 

Als dritte Komposition steht ein regelrechtes Zeitdokument aus den wilden Sechzigern auf dem Programm der ersten Arbeitsphase des Jugend Kammerensembles: The Great Learning/Paragraph 6 von Cornelius Cardew. Der amerikanische Komponist Cornelius Cardew (1936-1981) hat einen Großteil seines kompositorischen Schaffens dem chinesischen Philosophen Konfuzius gewidmet, weswegen es nicht wundert, dass Cardew eines seiner umfassenden Werke The Great Learning genannt hat.

In Cardew’s Komposition finden wir keine Noten, sondern Spielanweisungen vor, es gibt keine Besetzungsvorgaben, dafür soll jeder Spielende selbst entscheiden, welches Instrument er für die Interpretation wählt. Mit Erstaunen und Neugierde wurde im Ensemble darauf reagiert, dass Lieblingsklangobjekte gefunden werden sollten, auf denen gespielt wird. Das kann eine Trinkflasche, ein Stück Schlauch oder ein Blatt Papier sein, aber natürlich auch das eigene Instrument, nur eben nicht mit den gewohnten Spielweisen. 

Dazu die Trompeterin Louise Stauske: Ich finde, die experimentelle Musik ist eine viel wirklichere Musik als die Musik, von der ich ständig umgeben bin.

Das Ensemble interpretiert also nicht nur, sondern bewegt sich mit The Great Learning eindeutig auch in kompositorischen Gefilden, wenn auch die Ergebnisse nicht notiert werden. Musik ist alles das, was beabsichtigt ist. Diesem Motto folgend haben die Ensemblemitglieder mit viel Spaß und ungewöhnlichen Klangereignissen begonnen, nach Cardew’s Regeln miteinander zu kommunizieren.

Die Musikerinnen und Musiker lernen die Kompositionen und Komponisten unserer Zeit kennen. Der Dank dafür gebührt der Claussen-Simon-Stiftung, die die Leistungsklasse Jugend Kammerensemble für Neue Musik an der Staatlichen Jugendmusikschule, so die offizielle Bezeichnung, großzügig fördert, sodass die Teilnehmenden von den Gebühren befreit sind. In jeder Arbeitsphase wird ein Kompositionsauftrag im Wechsel an einen Studierenden der HfMT und einen Kompositionsschüler oder eine Kompositionsschülerin der JMS vergeben, damit den Jugendlichen auch der Kontakt zu jungen, zuweilen sogar gleichaltrigen Komponistinnen und Komponisten ermöglicht wird. 

Der Start ist gelungen, die ersten drei Kompositionen, die jede für ihre Zeit, in der sie entstanden ist, als beispielhaft gelten, haben die Jugendlichen zu einem Ensemble mit einer eigenen musikalischen Sprache und Interpretationsvielfalt zusammengeschweißt.

Moderne Musik war vorher noch nicht so mein Fachgebiet und ich wusste noch nicht, was das überhaupt ist, Neue Musik, und das habe ich jetzt gelernt. (Silva Franceschi, Bratsche)

Nach den Sommerferien startet eine neue Arbeitsphase des Jugend-Kammerensembles für Neue Musik. Interessierte Schülerinnen und Schüler aller Instrumentengattungen sind willkommen! 

Die Anmeldung erfolgt über den Stadtbereich Mitte (jugendmusikschule-mitte@bsb.hamburg.de). Das Ensemble probt alle 14 Tage mittwochs von 18.00-20.00 Uhr in der Musikschulzentrale im Mittelweg 42. 

Burkhard Friedrich,

Lehrkraft für Komposition und Musiktheorie, Leiter des Ensembles