• © Hanna Karstens

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  • © Kathrin Hinneburg-Heiwolt

Lied Duo

Die Klasse wurde im Sommer 2018 von Professor Guido Müller und der Claussen-Simon-Stiftung gegründet und wird von Cornelia Salje geleitet.

  • Leistungsklasse Lied Duo © Bo Lahola
  • Leistungsklasse Lied Duo © Hanna Karstens
  • Leistungsklasse Lied Duo © Hanna Karstens

Dienstag 17:25 Uhr. Ich stehe mit einer Tasse Tee in der Aula. Antonia und Fabio verständigen sich noch über ein Schumann-Lied. Fabio will eine bestimmte Stelle flüssiger nehmen… Die Musiker schauen sich an – spielen, singen, probieren es nochmal, nicken sich zu und musizieren weiter. Sie sind mit dem Zusammenspiel beschäftigt und bekommen eigentlich nicht mit, wie inzwischen alle anderen Musiker hereingekommen sind, ihre Sachen abgestellt haben, sich nah beieinander in die erste Reihe gesetzt haben und auch zuhören.

Übergangslos geht der Unterricht los – Unterricht will ich es eigentlich gar nicht nennen.
Alle sind bereits erfahrene Musiker mit eigenen Standpunkten, Möglichkeiten und Persönlichkeit. Sie sind zwischen 15 und 19 Jahren alt, die meisten sind in der Förderklasse oder der Studienvorbereitenden Ausbildung – alle sind Stipendiaten der Claussen-Simon-Stiftung.

Gemeinsam lesen wir: Text-, Musik-, Tempobezeichnungen – Adjektive über den Noten.
Was ist „drängend“ bei Hugo Wolf? Was ist das Gegenteil davon? „Schleppend“? Spiel „schleppend“. Wie klingt das für uns? Und jetzt spiel „drängend“. Bis wohin geht das crescendo? Wie laut ist Dein Forte, wenn Du mit Linda spielst?

Zu wem sprecht ihr? Was ist dir geschehen? Wie ist Dein Gefühl, wenn Du diese Phrase singst?
Wann kommt der Akkord – auf dem Konsonanten oder auf dem Vokal? Auf welcher Tonhöhe singst Du den Konsonanten? Wie spannst Du die Phrase? Welches Wort ist das betonte?

Inzwischen fragen alle. Wir fragen, was wir nicht verstehen. Worum geht es? Was bedeutet das für Euch? Immer anhand des Notentextes, immer anhand der Dichtung und des historischen Zusammenhangs.

Alle sind konzentriert dabei – es geht um das Gemeinsame – nicht jeder kommt jedes Mal dran. Wer etwas vorbereitet hat, zeigt es, lässt es hören und erleben. Das setzt voraus, dass man sich selber pianistisch oder sängerisch schon auf das Lied vorbereitet hat. 

Es geht primär um Interpretation – um die eigene Interpretation vor dem Hintergrund, dass man „lesen“ kann, was die Komponistin oder der Komponist geschrieben hat. Dass man auch lesen kann, was der Dichter oder die Dichterin geschrieben hat. Man muss es lesen, verstehen und erfühlen – dann versammelt sich in einem Lied ein ganzer Kosmos, eine ganze Welt. 

Leander, Pianist 19 Jahre

An der Lied Klasse gefällt mir besonders gut, dass man sich gegenseitig intensiv zuhört und Tipps gibt. Aus denen lernt dann immer die ganze Gruppe. Insbesondere als Pianist ist es besonders schön, mit Sängern zu arbeiten, weil man auf dem „leblosen Klavier“ ja immer ein Singen nachahmen möchte – man versucht immer, klanglich aus dem Klavier etwas Organisches zu machen.

Es ist toll, mit Sängern zu arbeiten, um zu erleben, wie Phrasen gesungen werden. Das hilft einem enorm für die Musikalität und für ein lebendiges Spiel.

Linda, Sängerin 19 Jahre

Wir sind in der Klasse Lied Duo sieben Sänger und drei Pianisten und treffen uns immer mit Cornelia in der Aula im Haus 2. Ich habe im letzten Jahr ungeheuer viel Wissen mitgenommen und Erfahrungen über Liedgestaltung und Interpretation gesammelt.

In dem Unterricht geht es nicht um das technische Singen, worauf wir uns im Unterricht sehr fokussieren, sondern darum, davon wegzugehen, um in die Gestaltung eines Liedes reinzugehen- ohne (nur) an das Technische zu denken. Das war für mich, glaube ich, ein sehr großer Schritt, den ich wirklich überwinden konnte. Ich habe auch mitgenommen, dass es so viele Ideen und Vorstellungen gibt, wie man an die Gestaltung eines Liedes rangehen kann. 

Wir haben über sehr viele Punkte gesprochen und gelernt und auch umgesetzt, dass man, bevor man das Lied zu singen beginnt, sich erstmal Gedanken um den Text macht, dass man sich auf der Basis von dem Text die Interpretation erschließen muss. Oft ist das Metrum, das Versmaß- eines Gedichts nicht das Metrum der Komposition. Oft sind sprachliche Rhythmen des Gedichts nicht identisch mit den Vorstellungen, die ein Komponist oder eine Komponistin daraus machte.

Wie setze ich eine sprachliche Phrasierung gesanglich um? 

Was mir unglaublich gut gefallen hat, dass wir als Gruppe zusammen gewachsen sind. Es hat sich eine sehr tolle und freie Atmosphäre gebildet, weil wir einfach nicht Konkurrenten sind, sondern uns gegenseitig unterstützen und dadurch sehr deutlich wurde, dass Singen von Liedern sehr frei ist und jeder seine persönliche Interpretation finden kann. Jeder konnte seinen eigenen Bezug zu den Liedern erarbeiten. Großartig!

Es ist ein unglaublich schöner Vorteil, dass man sich schon vor dem Studium so intensiv mit einzelnen Bereichen des Singens beschäftigen kann und sich so ein großes Wissen erarbeiten und so viele Erfahrungen sammeln kann.

Fabio, 18 Pianist

Generell hat es mir viel Spaß gemacht, gemeinsam zu musizieren, da ich sonst nur solo spiele. Beim gemeinsamen Arbeiten an einem Lied kommen viel mehr Ideen zum Inhalt und der Interpretation des Werkes auf, als mir alleine beim Üben einfallen. 

Wolf kannte ich vorher nicht. Die teilweise virtuosen Klavierbegleitungen waren interessant zu lernen und die ruhigen Lieder haben außergewöhnliche Harmonien. Seine und die Lieder von Edvard Grieg haben mir am besten gefallen.

Etwas unangenehm ist es, wenn ich ein neues Lied direkt in der Liedklasse vorspielen muss, ohne es vorher einmal mit der Sängerin geprobt zu haben. Es ist dann schwer, die ganzen Ideen der anderen gleich umzusetzen, vor allem, wenn auch der Notentext selbst noch etwas wackelig ist. Meistens läuft es dann aber nach dem zweiten Durchspielen schon ganz gut.

Verschiedene Vertonungen zum selben Gedicht zu haben ist besonders spannend. Wenn wir das nächste Mal eine Gedicht-Improvisation ausarbeiten, möchte ich meine eigene Vertonung mit einfließen lassen.“

Antonia, Sängerin 18 Jahre

Am tollsten finde ich diese wunderbare Gruppe, wo wir uns alle so gut verstehen. Dass wir zusammen musizieren, uns gegenseitig intensiv zuhören und voneinander lernen und uns unterstützen. Man bringt sich selbstverständlich ein – jeder kann sein, wie er/sie will.

Ich finde großartig, dass wir uns auf Lied spezialisiert haben und dass wir so unterschiedliche Interpretationsgeschichten machen. Das erste war ja Nur wer die Sehnsucht kennt von J. W. Goethe. Cornelias „Hausaufgabe“ war: „Sprich auswendig auf der Bühne den Text. Habe ein Hauptgefühl.“ Es war für uns alle verblüffend und faszinierend, dass wir ohne jegliche Absprache 10 unterschiedliche Interpretationen dieses Gedichts sprachen. Der eine war gelangweilt, die nächste schrie fast vor Verzweiflung, die nächste weinte, eine „war betrunken“ usw. Das war richtig schauspielerische Arbeit. Es kostete schon ziemlich viel Überwindung, aber in dieser tollen Gruppe und in diesem geschützten Raum war das möglich.

Ich finde es auch besonders schön, dass wir konstant über das ganze Jahr mit den Pianisten an den Stücken arbeiten. Man wächst an jeder Zusammenarbeit und findet immer neue Details, die man ausprobieren möchte.“

In diesem Schuljahr haben wir uns mit diesen Liedern beschäftigt: Nur wer die Sehnsucht kennt, Johann Wolfgang Goethe mit Vertonungen von Franz Schubert, Robert Schumann und Peter Tschaikowski. Er ist´s von Eduard Mörike mit Vertonungen von Robert Schumann, Pauline Viardot-García und Hugo Wolff.

Ausblick auf das nächste Schuljahr: Expressionismus und Impressionismus, wo wir u. a. viel Strauß, Debussy, Ravel und Messiaen hören werden. Vielleicht auch Fabio Campello?

Cornelia Salje,

Fachbereichsleitung Gesang, Leiterin der Klasse